Florian Graf - Der Oszillator im Weltgefüge

 

Seit den heissen Tagen dieses Jahres irrlichtert ein mächtiger Leuchtturm über das internationale Gewässer des Bodensees. Statt dass er Orientierung gibt, stiftet er Verwirrung. Er ist, mit Verlaub, ein Selbstporträt des jungen Schweizer Künstlers. Florian Graf, der an der ETH Architektur studierte, hat sich mit Haut und Haar der Freiheit künstlerischer Prozesse verschrieben. Seither fährt er durch die Welt, um zu erfahren, statt dass er sitzt, um zu besitzen.

"Ich Genie. Ich bin gescheit." Der handschriftliche Auftritt mit den beiden Behauptungen als Auftakt in , seiner ersten Publikation, irritiert. Die Arbeit von Florian Graf fasziniert in ihrer offensichtlichen Qualität, Referenzialität und Intelligenz, doch wo hört die Auseinandersetzung des Künstlers mit Fragen zur Beziehung zwischen Mensch und Architektur auf, und wo beginnt die Grenzen in der Wahrnehmung setzende Selbstverliebtheit? Was ist das fuer ein Dandy, der sich ständig selbst in Szene setzt - mal als Häusermakler wie im Projekt , 2009, in Cumbernauld bei Glasgow, mal als Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg in , 2007 - und gleichermassen gelangweilt, unterfordert, überlegen und humorvoll seine eigenen Werke bewohnt? Wer den zur Gestaltung der Pro Helvetia-Heftreihe gehörenden Umschlag aufklappt - und das sind die wenigsten -, findet die Fortsetzung der beiden Textarbeiten, die Kehrseite des ersten Eindrucks: "Ich genie/re mich. Ich bin gescheit/ert." Man mag das als Spielerei abtun, als Oberflächenhaltung und Vorspielen falschen Tiefgangs; oder nachfragen, sich neugierig machen lassen von der eigenen Abwehr, von der Antinomie der Gefühle zwischen Anziehung und Abstossung. Denn gerade dem Umgang mit Sprache, ihrer Tendenz, Vermutungen in Tatsachen zu verwandeln, stellt Graf Widerstand entgegen, wenn er ihre linearen Behauptungen durch Vielschichtigkeit und Überwindung unserer Seh- und Lesegewohnheiten aufbricht. Graf ist der zum Irrturm gewordene Leuchtturm, der ohne festen Wohnsitz durch die Welt zieht, von Atelierstipendium zu Ausstellungseinladung, der dort lebt, wo er arbeitet, und arbeitet, wo er lebt. Das kann auch in einer Kirche sein. 2011 richtet er sich in der Klosterkirche der heute als Psychiatrische Klinik genutzten Abtei Bellelay im Berner Jura ein wie der heilige Hieronymus im Gehäuse im Bild von Antonello da Messina; oder doch mehr wie ein Hausbesetzer aus der autonomen Szene? Er wohnt im Chorraum und nutzt das Kirchenschiff als Atelier. , eine geometrische Balkenstruktur, destabilisiert die Perspektive, ist zugleich Stuetze und Zerstörung bestehender Strukturen. Die Installation als Ganzes erinnert an die Capriccios von Piranesi. Auf der Lade des Doppelbettes steht Sterben/Streben in leicht verschobener Spiegelschriftlichkeit. Und der Notausgang ist mit markiert. Die Bedeutungen von Bildern und Worten oszillieren zwischen ihren Polen, zwischen Glauben und Zweifeln, Leben und Sterben, Norm und Abnorm.

Parodistisches zum eigenen Leben
Gerne schleust er sich in neue Netzwerke ein, 2012 ins Filmfestival Locarno. Im Ausstellungsraum la rada präsentiert er die Filmtrilogie , und . Graf spielt darin Olf Graphenheim, der ernsthafte und aufstrebende Künstler - parodistische Kommentare zum eigenen Leben. Als Stipendiat im Turm des Zeppelin Museums in Friedrichshafen ist das Experimentieren mit dem Verhältnis zwischen Raum, Individuum und Gesellschaft in den Irrturm gemündet. Seine Architektur ist Obelisk und Observatorium, aber auch Projektionsfläche für Ängste und Sehnsüchte zwischen Einsamkeit und Unabhängigkeit. Zudem rekurriert er auf die Mythen des Bodenseeraumes. Die Ungewissheit seiner Existenz laesst mit neuer Aufmerksamkeit auf die Wasserfläche schauen. Die Mythenbildung hat hier schon andere zeitgenössische Künstler beflügelt. Doch anders als bei der Geschichte von Mocmoc in Romanshorn geht es Graf nicht um das Fallenbauen bei Schwachstellen der Gesellschaft, sondern um die Destabilisierung der Routine, um das Wecken von Bildern zwischen Gewissheit und Orientierungslosigkeit; Bilder, die gut und gerne auch als Metaphern für das Weltgefüge stehen können, für Finanzkrise und Kriegsgeschehen. Die Klarheit der Architektur und die Verwirrung, die sie anrichtet, das Irrlichtern, das auch in der Ausstellungsinstallation im Grenzraum des Zeppelin Museums in Bild und Ton thematisiert wird, lassen Graf ueber den Wettbewerb im Flötenspiel zwischen Apollon und dem Satyr Marsyas sprechen; Apoll besiegt den Satyr und häutet ihn; es ist ein Sieg der Zivilisation über das Wilde. Doch nicht um Siege geht es hier, sondern ums Oszillieren. Die Klarheit wird zum Trugbild. Ständig überschreitet er Grenzen, Landesgrenzen, aber auch Wahrnehmungsgrenzen. "Mich interessiert das Abstrakte", sagt Graf, "das vielseitig Denkbare. Es geht um die Frage von Präsenz und Absenz; in welchem Medium, ob Skulptur, Architektur, Performance, Malerei ist einerlei." Giorgio Morandi und de Chirico klingen an und die Frage nach den Zusammenhängen von Moment und Monumental, von Endlichkeit und Ewigkeit. Dass Grafs Vater ein bekannter Musiker ist, und dass er selber sich erst durch ein ETH-Studium schleuste, sei hier auch erwähnt. Das Dionysische und das Apollinische durchdringen sich. "In der Architektur sind viele meiner Interessen zusammengekommen. Sie ist der Spiegel gesellschaftlicher Strukturen. Nur in der Kunst aber gibt es die Freiheit, Grenzen zu überschreiten."

Im Irrturm hausen
Das Geld, das er als bester ETH-Absolvent seines Jahrgangs zugesteckt bekommt, investiert er in ein erstes Kunstprojekt. Gemeinsam mit Ivica Brnic und Wolfgang Rossbauer gewinnt er 2005 zudem den Wettbewerb zum 150-jährigen Bestehen der ETH. Anstelle eines temporären Luftschlosses in Zürich bauen sie eine handfeste Universität in Afghanistan. Interdisziplinär und weltgewandt lanciert er in Dar es Salaam gemeinsam mit Freunden der Zeitschrift Camenzind , eine Zeitschrift für Architektur, Urbanistik und Kultur in Ostafrika ( www.anzastart.com). Da ist einer am Werk, der sich jenseits aller Tendenzen und über kunstimmanente Diskurse hinaus auf den Alltag als situationistische Herausforderung einlässt. Während der Sommerwochen hat Graf selbst im Irrturm gehaust, sich sozusagen selbst bewohnt, Skulptur und Körper in Einklang gebracht. Auch die Waltzing Walls an der Art Chicago 2010 waren ein bewohn- oder zumindest betretbares Gehäuse, Ausstellungswände, die sich wie von Geisterhand beziehungsweise wie computer- gesteuert samt den an ihnen aufgehängten Kunstwerken durch die Messe bewegten. So abgeklärt die Projekte in Erscheinung treten, sie entstehen aus dem Ringen. Das wilde Wuchern, losgelöst von jeder Norm, begleitet den Künstler, der sich im Idiot von Dostojewski genauso wiedererkennt wie in Don Quijote. Zielorientiertheit behagt ihm nicht. Jetzt, wo das Irrturm-Projekt abgeschlossen ist, freut er sich auf die Drifting-Phase, das Gleiten im offenen Raum, maeandernd zwischen den Assoziationen - wie sein Leuchtturm auf See. Flaniere, Mensch, und spiele! Ne travaillez jamais!


Ursula Badrutt, Kunsthistorikerin, Leiterin Kulturförderung Amt für Kultur Kanton St. Gallen, lebt in Herisau.
Fokus Kunstbulletin 11 2012

 

 

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