Typologien eines Humors

 

Der romantisierte Gang in die Irrenanstalt, getrieben durch die Einsicht, noch in Moutier die super schöne Szenerie genossen, am Bahnhof sitzend die abgeschabten Hügel, so marmorierte Felsformationen, bewundert, diese Schweizer Landschaft, die überhaupt nicht so klischiert alpenhaft spitzig ist, ist doch alles sonst sehr und extrem rund und flach, also fliessend, das führt zu diesem Zustand des entrückten Seins, dem Verrückt-sein, das sind eben auch fliessende Zustände, in diesem Sinne gibt es keine linearen Zustände, die sich eben an- und ausschalten liessen, hinein- ja hinausbewegen muss man sich, also dann eben im Zug sitzend, Moutier hinter sich lassend, das kleine Häuschen neben den Gleisen ist noch aufgefallen, da steht dann in Schönschrift-Graffiti: La Routine tue, das ist doch eben diese versetzte Verrücktheit, diese, in welche man sich hinein getan hat, diese runde Entrücktheit, eine Entscheidung soll das sein, weil es schliesslich bewusst beginnt, ganz Attitüde, lieb gewonnene Allüre, einem Mechanismus gleich, eben diese Routine.
    Und plötzlich angekommen: Nicht klingeln, eingetreten ist die Tür, das Verständnis wächst und windet sich dem hohlen Kirchenkörper entlang – und hoch. Dem entsprechend ist es der urtypische Gedanke, gleich die kabbalistische Sphinx an den Pranger gestellt: Wer wen aus dem Paradies vertrieben hat, ist die Frage. Ist es der Verstand, endlich weg gescheucht, der dem geputzten Idyll gewichen ist. Oder eben die Vernunft? Hat sie (den schmunzelnden) Florian Graf nach Bellelay verbannt? Die zwickende Fragestellung, das verschriene Mantra, schwirrt verheissungs- wie verhängnisvoll um den  Kopf des Protagonisten. Er ist der fahrende Mensch, sympathischer Omni-Held, der gerne mal seinen roten Faden um den eigenen Hals spannt. Ob in Form eines gesegneten Nimbus oder pointiert zulaufend zu multiplen Teufelshörnern geflochten. Ist es der monumentale Moment, nicht nur in der Begegnung, sondern die Mandorla, sein gesamtes Werk umfassend?. In dieser Ambiguität liegt das Sinn stiftende Element der Odyssee, der Versuch, dem Graf endlich mal etwas zu nahe zu treten. Doch in die Falle getapst, denn angewandte Identitätssuche, das ist bei diesem Typus Kosmopolit – niemals Lebewohl, stets auf Wiedersehen – etwa gleich banal, wie das Wienern eines schmierigen Mönchskopfes. Doch zurück, die Klingel scheppert und das nicht im betrunkenen Halbton-Schritt. Und was ist mit dem Graf? Befiehlt er die Sprache oder macht sie umgekehrt ihn zum Untertan? Sind es blosse Gedanken, die ihn antreiben oder etwa die Bauten, die seinen Ideenschatz blühen lassen? Umgeschaut ziehen die Rundungen der Landschaft über den Erfahrungshorizont, gebrochen durch die Kuhlen, die Feldhasen-Mulden, im Vertrauen gesagt, das mag er sowieso lieber, der Florian Graf, den Zustand der nach unten gewölbten Delle. Leichte Verzettelung auf der gesamten scientologyfarbenen Linie: erst Sprache, folgt Verstand, ergibt Form. Unbedingt und zwingend diese Reihenfolge, bitte nicht ändern. Ist es doch die Normalität, die ihn an diesen Ort – dieses Bellelay – zwingt. Und diese Normalität wohnt in seiner Sprache und in dem Verständnis allgemein. Damit will sie dann aufgefüllt sein, das sind eben die echten Stimulanzien, die Gefässe die gefüllt, bewohnt werden wollen. Eben Phänomena des Wohnens an sich, geht man schliesslich ein bisschen WOHNEN? Oder was lässt Du für Gefühle in dir wohnen? Wohnen, gewöhnen und schon ist man beim guten Geschmack. Da ist die Identität und da ist die Rolle, ganz nach seinem Vermögen das Wort auszusprechen und nicht seine Mitmenschen unter eine juristische Floskel zu jochen. Es ist die Normalität der Sprache, die sich weiter entwickelt, weiter aufgeht, wenn Florian Graf seinen Gebilden ein Innenleben schenkt. Gleich schimpft die Logik: Leer muss das Gefäss sein! Sonst lässt sich nichts füllen! Und womit? Mit Präsenz bitte schön. Und dieses Dasein, das zündet das Interesse Grafs, es ist dasselbe bei Gebäuden wie Geistern, es ist diese menschliche Präsenz. Die klebt dann im Putz und in den Mauersteinen, da lagert sie sich ab im Gedächtnis der wandelnden Mauern. Präsenzen sind schliesslich erspürbar und diese Präsenzen haben verschiedene Grade. Dem Autismus nicht ungleich, apropos dieser eigensinnigen Gestalten, eben in der Anstalt täglich gesehen. Sind es die Unterschiede, sofort bemerkt, zwar sozial tauglich, klar denken ist eben doch nicht mehr möglich. Teilweise genial, wenn sich diese hundert Dinge einprägen lassen, bewusst, was das Gesendete bei anderen auslöst, also letztendlich eine Zurechnungsfähigkeit erzeugende Selbstreflexion. Ähnlich vergleichbar mit Stimulanzien, Stoffen, die verbessern, dämpfen oder eben den Schalter total umhauen, richtig wegknallen: Das ergibt die schwebende Balance eines absoluten Daseins, gleichzeitig, richtig weg gefetzt, eine Synchronisation von Präsenz und Absenz, dabei geht es darum diese Gefässe zu füllen, diese leeren Ideen-Häuser, darin liegt die Herausforderung, denn die meisten Gefässe sind bereits voll gekleistert, nichts mehr wird ausgelöst. Konkret erzählt das von einem Florian Graf in Slowenien, mit einem untergeschobenen Herz­infarkt ans Bett gefesselt, oder in Schottland von einer keltischen Traumzeit-Begegnung durch­geschüttelt. Konkret befindet sich Florian Graf in diesem gott­verdrehten Ort in Bellelay, inmitten Schweizer Hügelglücks, in unmittelbarer Nähe konfrontiert mit diesem Paradoxon – eben Präsenz, Absenz –, übersetzt auf die Bauten heisst das, das Entrückte darin nicht verstehen zu wollen, nicht einem Sinn der Kirchenmauern nachzujagen, sondern die täuschenden Zeichen als bare Münze zu nehmen. Da geht es hinaus, da muss gewesen sein. In der Überspitzung stellt sich stolz die Narretei dar, aber eigentlich lautet die Frage: Hallo, können wir eben auch mal normal, so miteinander, zueinander, schliesslich soll sich diese Kunst nicht vom Leben abheben, sie soll unten bleiben, da wo die Menschen mit ihren Füssen drauf stehen. Die Tatsachen liegen etwas schwer im Magen. Und so bald stellt man Florian Graf vor die Realität dieser wechselnden Gegebenheiten, dann sagt er, mich interessiert das Reisen eben nicht. Sein, das will ich, eben wo! Weggehen, um anzukommen, dabei geht es immer um diese Intensität von wo-zu-sein zu sein, und eben nicht diese Routine, wenn Du nicht mehr da bist (endlich auch auf den Tod gerichtet), da löst sich die Existenz von ganz alleine auf, das hängt dann damit zusammen, mit dieser Angst eben nicht-zu-sein, damit hängt das dann zusammen. Und jedes Mal, wenn ich schliesslich wo lande, das sagt Florian Graf, und jedes Mal, wenn ich mich mit diesen Menschen einlasse, denn das heisst jedes Mal, dass ich mich als Mensch einbringe – wie präzise bleibt die Frage, Abschied nehmen ist schliesslich etwas Furchtbares, und um dich voll darauf einzulassen musst du dich schliesslich verabschieden, auch wenn Du eigentlich deinen eigenen Strick damit knüpfst. Und darum, sagt der Florian Graf, bleibe ich jetzt hier in Bellelay. Das ist eben genau der Ernst dann, wenn Du es gar nicht mehr filtern oder in eine Form bringen kannst, nicht mehr grafisch etwas hinein entwerfen, dann bist Du genau in dieser filterlosen Verrücktheit drin, dann ist das genau das, dann ist das dieses Weiden, das Glitzern im vorbei führenden Bächlein auslöschend und der Schweizer Himmel sich um diese Kugel wölbend, unsere Kugel und  weiter ins hügelige Land, kaum bekleidete Mädchen auf Trampolins hüpfend und die Jungs in Go-Karts kreiselnd, eben dann ist die Erinnerung an die Kindheit das Übrige und unten am Fluss die vertriebenen Kaninchen und zirpenden Insekten. Pferde grasen. So glückliches Lamentieren.



Tenzing Barshee ist zur Zeit Assistent Curator für die Kunsthalle Bern

 

2011

 

 

DEEN