Florian Graf im Gespräch mit Samuel Leuenberger

 

Samuel Leuenberger: Florian, Du scheinst im Konflikt mit dem Permanenten zu stehen. Arbeitest häufig mit architektonischen Gegebenheiten, veränderst diese und kreierst damit fiktive Welten. Wann wurde dieses statische Ding, die Architektur zu etwas Ephemeralem in deiner Arbeit?

Florian Graf: Um ehrlich zu sein, weiss ich nicht so genau, was ephemer, also vergänglich, und was permanent oder ewig ist. Immer mehr erscheint mir das Ewige als Fiktion. Unsere Leben, wir selbst, sind vergänglich genauso wie Gebäude oder Gemälde, vor allem wenn sie nicht stetig saniert und konserviert werden. Tendenziell habe ich mich aber immer für die grösseren Zeitspannen und Zusammenhänge, also in gewissem Sinne für das Permanente interessiert, drum hab ich ja den Weg der Architektur und dann der Kunst eingeschlagen. Der Permanenzanspruch der Architektur und die Ewigkeitsidee der Kunst, das sind nachvollziehbare Konzepte: Gebäude sollen beständige Schutz-Behälter für den Körper bieten, und die Kunst hat sich quasi zum Gefäss für bleibende und aufzubewahrende Werte entwickelt. In meinen Arbeiten befasse ich mich mit diesen Konzepten und ihrer Ambivalenz. Zur Zeit beobachte ich eine sehr transiente Welt. Experiment und Versuch haben in der Berufswelt des Architekten wenig Platz. Da wurde mir die Kunst zur geeigneten Spielwiese, wo ich Entstehen und Vergehen besser ausdrücken kann. Und wenn ich als Künstler mit Architektur arbeite, meine ich ja schlussendlich dessen Bewohner. Das Permanente, die gegenwärtige Situation und die Suche nach neuen Wegen - in der Kunst entsteht im besten Falle eine oszillierende Synthese.

SL: Der transformative Aspekt des Raumes interessiert Dich – ein Thema, das auf emotionale, intellektuelle und psychologische Art und Weise stets belichtet wird in deiner Arbeit. Der Ort, wo sich Werk und Betrachter kreuzen, gestatten Konfrontationen. Was erhoffst du dir von dieser Begegnung, in der soziales Alltagsverhalten mit surrealen Dingen verschmolzen wird?

FG: Es sind quasi Versuche, die mir selbst helfen, Verhältnisse zwischen kollektiv gebauten Systemen oder Normvorstellungen und persönlichen Strukturen und Empfindungen besser zu verstehen. Im Französischen heisst Versuch "Essay". Da sind auch narrative Elemente vorhanden, die zu Dialogen führen oder Anstösse für vertiefte Auseinandersetzung bieten. Das hat wahrscheinlich auch mit einer romantischen Tradition zu tun: dem Gemeinen einen Sinn geben, dem Gewöhnlichen etwas Geheimnisvolles, dem Bekannten die Würde des Unbekannten verleihen oder so ähnlich hat das Novalis formuliert. Ich möchte Festgefahrenes und Verhärtetes aufweichen, um ungeahnte Energieflüsse zu ermöglichen. Transformation könnte man ja auch mit Veränderung übersetzen, und manchmal, da drängt es mich, das Gegebene zu verändern oder ihm etwas gegenüberzustellen.

SL: Persiflage oder feine Beobachtungsgabe?

FG: Beobachten, Betrachten, Fantasieren und Kreieren, das tu ich alles halt sehr, sehr gerne. Und das Wahrnehmen selbst wahr zu nehmen, einerlei, ob das nun wahr ist, was man da nimmt, fasziniert mich unglaublich. Humor, differenzierte Betrachtung, sowie Träumereien sind sicher Teil meiner Sichtweise, und die teile ich mit meiner Arbeit.


 

2015

 

 

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