Kulturförderpreis 2015 der Alexander Clavel Stiftung
Florian Graf («Housewarming»)

 

Es ist die Geschichte von einem, der auszog, die Welt durch das «Durch-die-Welt-Reisen» zu erfahren, es ist die Geschichte eines kosmopolitischen Flaneurs, der nach eigenen Aussagen «dort lebt, wo er arbeitet und dort arbeitet, wo er lebt». Es ist die Geschichte des in seinem Werk öfters sich selbst und die Welt parodierenden, in mannigfaltige Rollen schlüpfenden Künstlers Florian Graf, den diesjährigen Empfänger des Kulturförderpreises der Alexander Clavel Stiftung. Florian Graf und sein Werk möchte ich Ihnen nun kurz vorstellen.

1980 in Basel geboren, wuchs er in einer musikalisch geprägten Familie auf; das Apollinische wurde ihm so früh mit auf den Weg gegeben. Florian Graf studierte zunächst Architektur an der ETH Zürich (1999-2005) und schloss als bester Absolvent ab. Zusammen mit zwei andern Architekten gewann er zudem den Wettbewerb zum 150-jährigen Bestehen der ETH Zürich, schlug daraufhin vor, das Budget von Fr. 500'000 Franken anstatt für eine ephemere Struktur in Zürich für das Errichten eines Studentenbegegnungszentrum, einer Universität im afghanischen Bamiyan, an jenem Ort am Fuss des Hindukusch zu investieren, wo die zerstörerische Wut der Taliban ihre Spuren hinterlassen hat (2001, Sprengung der Buddhas). 2006 wurde dort das ETH House of Science eröffnet; es besteht heute noch. Später, 2011, gründete er in Dar es Salaam (Tansania), zusammen mit Freunden der Zeitschrift «Camenzind», eine Zeitschrift für Architektur, Urbanistik und Kultur in Ostafrika («ANZA»). Nach seinem Architekturstudium begann Florian Graf eine weitere Ausbildung in Kunst an wechselnden Studienorten im Ausland, wie am Watermill Center in New York (2007), wo er mit Robert Wilson, dem amerikanischen Regisseur und bedeutendsten Repräsentanten des internationalen Gegenwartstheaters zusammenarbeitete (zB Bühnenbilder für die La Skala in Mailand). Es folgten Studien am Edinburgh College of Art (2007-2009), an der Royal Drawing School, London (2008-2009), an der School of the Art Institute, Chicago (2009-2010) und zuletzt als Fellow des Istituto Svizzero in Rom. Florian Graf nimmt teil an zahlreichen Projekten, in welchen die Architektur, bzw. die Auseinandersetzung mit Raum in Kunst und Theorie und die Installationskunst eine prägende Rolle spielen. Teilnahmen an diversen Symposien, rege Lehrtätigkeit, zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland, Preise und Stipendien zeugen von einem polyvalenten künstlerischen Schaffen. Florian Graf lebt in Basel, zur Zeit als Stipendiat des Atelier Mondial der Christoph Merian Stiftung in Paris.

Architektur, architektonische Manifestationen prägen das Werk von Florian Graf. Seine Arbeiten handeln stets von der Beziehung zwischen Mensch und Architektur, von der psychologischen und emotionalen Wirkung von Räumen auf ihre Benutzer, von sichtbaren und unsichtbaren Systemen, die das alltägliche Leben bestimmen; sie gehen zudem der Frage nach, wie intime und kollektive Gedankengebilde sich in gebauten Strukturen niederschlagen. Kritisch und dennoch humorvoll, intervenierend oder integrierend nimmt Florian Graf Bezug auf spezifische architektonische oder soziale Situationen. An den fliessenden, prekären Grenzen von Realität und Vorstellung entstehen mittels unterschiedlicher Medien, wie Skulptur, Modell, Fotocollage, Zeichnung oder Film, neue Orte, utopische Orte, nicht in dem Sinn, dass sie eine der Gegenwart entgegengesetzte Zukunft projiziert, sondern indem sie die Gegenwart sich selber entgegensetzt.. Es entstehen Ausstellungen, Installationen oder Aktionen, Projekte im öffentlichen, im privaten oder im Naturraum.
 
Florian Grafs architektonisch geprägte Kunst reagiert auf Architektur und auf zum Scheitern verurteilte, gebaute Architektur-Utopien. In der in den 1950er Jahren am Reissbrett als ideale Stadt entworfenen, heute heruntergekommenen Stadt Cumbernauld in Schottland eröffnete Florian Graf 2009 eine fiktive Immobilienagentur («U(R)AGENCY») in einem Einkaufzentrum und versuchte dort Käufer für ruinöse Immobilien zu finden, die im Falle eines Kaufs auch jene modernistische Architekturvorstellungen miterwarben, an denen die Stadt gescheitert war. In der Rolle des Agenten gelang Florian Graf der Diskurs mit Interessenten und neugierigen Passanten, die sich so zu ihren Vorstellungen und Träumen über die Zukunft der Stadt äusserten.

Die Kunst des weltgewandten Künstlers strebt einen Universalismus an. Bestehende Ordnungen, abgrenzende gesellschaftliche Systeme und reale Gegebenheiten erfahren durch minimale Gesten Öffnung oder Veränderung. In einer Installation («Folly of De-Fence», 2010) transformierte Florian Graf den Lattenzaun eines privaten Gartens in das Tor einer Western-Ranch, in eine Folly, die auf die Verrücktheit des Einzäumens, des vorstädtischen Zersiedelns, auf die Rolle dieser funktionslosen architektonischen Konstruktion anspielte.  

Utopische Orte entstehen auch in seinen Fotocollagen, in welchen er Betonmonolithen oder meteoritenhafte, schwebende Objekte und Architekturkörper an bestehende Baufragmente zu utopischen Bildkonstruktionen anfügt («Presumptions & Extensions») - ein von Architekten und Künstlern der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts beliebtes Darstellungsverfahren, hier auf Fragen nach Migration, Verwurzelung und Identität, Phänomena einer längst globalisierten Welt anspielend.    

Für eine Ausstellung in der Abbatiale de Bellelay («Well, Come», 2011) nahm Florian Graf die ehemalige Abtei in Besitz, richtete sich wie «Hieronymus im Gehäus» (1456) auf dem Bild Antonello da Messinas in der Klosterkirche zum Hausen und Arbeiten ein, verwandelte sie gleichzeitig durch installative und sprachliche Kunstgriffe (Capriccios) und durch eine minimalistisch konzipierte, geometrisch abstrakte, monumentale Skulptur, welche zugleich die barocke Architektur zu tragen und zu destabilisieren vortäuschte - ein abstraktes Monument im bestehenden Monument, kontrastierend zur barocken Ornamentik, gleichzeitig Gegenwart und Abwesenheit des Künstlers parodierend. Zwischen Behausung und Hausbewohner fand eine wechselseitige Vereinnahmung statt. Das Gotteshaus wurde zum temporären Wohn- und Atelierhaus, zum Ausstellungshaus, zum schöpferischen Ort des Denkens, des Logos und des Seins, zu einem Gesamtkunstwerk. Der vielzitierte Äusserung Martin Heideggers «wohnen, bauen, denken sei eine Einheit» fand hier ihre Entsprechung.

Als letztes Beispiel sei noch hier jenes Projekt erwähnt («Ghost Light Light House», 2012), bei welchem Florian Graf einen selbst gebauten Leuchtturm, einen Pharos, einst auch Arbeitsplatz für Leuchtfeuerwärter, bewohnte, der gleich einem Irr-Turm, einem Irrlicht auf einem Ponton orientierungslos am Konstanzer See hin und her trieb, die Landesgrenzen der angrenzenden Nationen fortwährend überschreitend. Die mobile Skulptur rief Assoziationen mit einem geschichtsträchtigen Monument, einem Obelisken hervor, der im Land der Pharaonen die steingewordenen Strahlen des Sonnengottes Re darstellte, eine Verbindung zwischen  der profanen Welt und dem göttlichen Kosmos erstellte und als Symbol einer göttlichen Weltordnung galt, die auf die Ewigkeit ausgerichtet war. Derartige Anspielungen an Ewigkeitsvorstellungen haben Jahrtausende später  französische Revolutions-Architekten (Etienne-Louis Boullée, Claude-Nicolas Ledoux) zu utopischen, monumentalen Architektur-Entwürfen aus einfachen, schnörkellosen Grundformen inspiriert. Anlehnungen an diese meist nicht realisierten Monumente schwangen im klassizistisch anmutenden Leuchtturm von Florian Graf mit. Ein nachgebautes Modell, das im Oeuvre des Künstlers oft das temporäre Werk zu einem beständigen Kunstwerk macht, und ein Film hielten später in einer Ausstellung das zeitliche Ereignis und seine performativen Aspekte, die Befreiung der Skulptur von ihrer traditionellen Rolle als statisches Denkmal fest.

Mit diesen Beispielen wurde versucht, Aspekte eines umfassenden, komplexen Werkes und seine Ansiedlung an der fragilen Schnittstelle von Kunst und Architektur zu erläutern. Heute fühlen wir uns besonders geehrt, in Ihrer Anwesenheit die Skulptur einweihen zu dürfen, die Florian Graf für den heutigen Anlass und den Ort realisiert hat. Im formschönen Oval, inmitten des repräsentativen Ehrenhofes platziert, schlüpft sie in die Rolle einer scheinbar fehlenden Skulptur; sie wirkt daher orts-spezifisch, markiert einen besonderen Ort mit einer besonderen Bedeutung und ist dennoch weit von der Logik eines Denkmals entfernt. Sie wirkt autonom, baut jedoch eine Spannung zur Umgebung, zum urbanen und Naturraum auf. Sie animiert den Ort neu, sie ist zugleich Skulptur und Architektur, ein schillerndes, konstruiertes Gebilde, ein temporäres Kunstwerk. Ihre stilistisch wie zeitlich unterschiedlich interpretierten Einzelteile verkörpern frühere und neuzeitliche Baustile, die unterschiedlichen Zeiten des Wenkenhofs, sie stehen für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Sie muten klassisch, verspielt, Design-orientiert an. «Moon Cage», so der poetische Titel der Skulptur, suggeriert einen Makrokosmos, der aus zwei Vollmonden, aus zwei über einem goldenen Käfig (Cage) kreisenden runden Spiegeln besteht und einem Mondmobile gleicht. Während das käfigartige Gehäuse formal die Struktur eines Säulenschafts, einer ionischen Säule übernimmt, apollinische Form und Ordnung verkörpert und im Gegensatz zu den frei schwingenden Armen des Mobiles einer Volière gleicht, einer Metapher des Gefangenseins, stehen die zwei Spiegelvollmonde für das «sich im Spiegel sehen» und das Auffangen und Reflektieren des Sonnenlichtes und der umgebenden Landschaft, für das Nächtliche, das Traumhafte und das Verspielte, für Schöpfungsdrang und dionysische Rauschhaftigkeit. Licht und Spiegel sind zudem die Materialien, die einen dynamischen Raum erzeugen, ein Schweben ermöglichen - «Moon Cage», eine Folly zwischen Barockem und Englischem Landschaftsgarten des Wenkenhofs, eine waageartige Skulptur, die Lustvolles und gesellschaftlich Normiertes in Balance hält.   

Die Villa Wenkenhof, von ihrem ersten Bewohner Johann Heinrich Zaeslin 1736 als «Maison de Plaisance», als Lustschloss mit Vorbild «Petit Trianon, Versailles» erbaut, war seit jeher ein Ort der Repräsentation und der Festkultur. Die von J.H. Zaeslin auf dem Wenkenhof mit grossem Eifer gelebte «galante Zeit» des fürstlichen Absolutismus, fand ihre Fortsetzung und ihren Höhepunkt in der Aera von Alexander und Fanny Clavel, die mit dem Erbauer des Hauses den gleichen frankophilen «goût» und die Vorliebe für exquisiten Lebensstil teilten. So fanden auf dem Wenkenhof ausgedehnte galante Feste aller Art, Kostümfeste, Maskeraden, Reitspiele und andere Festivitäten statt. Florian Graf nimmt diesen Bezug auf und lädt nach der Einweihung der Skulptur zu einem Fest, zu seinem «Housewarming» mit inszeniertem Kunstbankett in die Villa ein. Der ambivalente Titel «Housewarming» suggeriert den Einzug des Künstlers in das geschichtsträchtige Haus, der die von der Alexander Clavel Stiftung erhaltene Auszeichnung wahrnimmt, um sich in seine neue Residenz zurückzuziehen und konzentriert an seiner Kunst zu arbeiten. Doch davor soll ein Fest gefeiert werden. Das Fest, der Einzug des Künstlers durch das «Housewarming» ist Teil des künstlerischen Projekts und zusammen mit der Skulptur im Ehrenhof Element eines übergeordneten Filmes, in welchem das auf dem Wenkenhof Geschehene festgehalten wird.



Riehen, im Mai 2015


DEEN